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Wissen im Bild

Amarynthos Oststoa

Virtuelles Rekonstruktionsmodell

über das Projekt

Digitale Rekonstruktion einer Stoa aus dem 4. Jh. v. Chr.

Die Oststoa war nach aktuellem Kenntnisstand das grösste Gebäude des Heiligtums der Artemis und wurde in der Kampagne 2019 beinahe vollständig freigelegt. Ihre Rekonstruktion, welche gleichzeitig den Kern meiner praktischen Master-Diplomarbeit an der ZHdK ausmachte, war durch den spärlichen Erhaltungszustand nicht ganz einfach. Für die Rekonstruktionsvisualisierungen war es daher ein besonderes Anliegen, die wenigen vorhandenen Architekturfragmente genau zu dokumentieren, möglichst exakt zu rekonstruieren und schliesslich in den finalen Visualisierungen besonders hervorzuheben. Im interaktiven Protoypen, ursprünglich für die Diplomausstellung an der ZHdK entworfen, werden die Rekonstruktionsmodelle im Abgleich mit den Befunden und Sekundärquellen genau besprochen und erlauben dadurch einen differenzierten Zugang zum 3D-Modell.

Referenzen
Jahresbericht 2020 der Schweizerischen archäolgischen Schule in Griechenland (ESAG) – PDF
Poster – Bruderer, O. (in press) The virtual model in archaeology (Poster). In: Stadtarchäologie Wien (Ed.). Proceedings of the International Conference on Cultural Heritage and New Technologies CHNT 25. Heidelberg: Propylaeum, Heidelberg University Library

Wissenschaftlicher Partner

Tobias Krapf, wiss. Sekretär der École Suisse d'Archéologie en Grèce (ESAG)
Website
Alexandra Tanner, Bauforscherin & Architektin der Universität Zürich

Archäologische Stätte

Artemisheiligtum in Amarynthos, Griechenland

Zeitraum

2019-2020

Methoden

01    Fundillustration
02    Structure from Motion
03    virtuelle Rekonstruktion
04    Prototyp Interaktives Modell

Dokumentation

Zeichnerische und dreidimensionale Erfassung der Befunde

Im Ausgrabungsgelände haben sich von der Oststoa praktisch nur die Fundamente sowie die Orthostaten der Rückmauer in situ erhalten. Von der darüber errichteten Architektur wurden einige wenige Bauteile gefunden, meist sehr fragmentarisch. Das grösste erhaltene Architekturelement, ein fast vollständiges Triglyphion, welches für die Interpretation der dorischen Säulenfront von grosser Bedeutung ist. Alle Fundelemente, inklusive der besser erhaltenen Ziegelfragmente, wurden durch Structure from Motion dokumentiert und bildeten eine wichtige Grundlage für die spätere digitale Rekonstruktion. Neben der Dokumentation über SfM wurden auch alle Objekte zeichnerisch erfasst. Anhand der SfM-Modelle wurden Vorlagen generiert, die eine Zeichnung grösserer Funde im Massstab 1:10 erlaubten.
Tordurchgang im Norden – Fundzeichnung vor Ort und anschliessende digitale Umsetzung
Virtuelle Duplikate – Dokumentation des Triglyphions M1414 mittels Structure from Motion.
Fundzeichnung anhand SfM-Vorlage – Zeichnung Triglyphion M1414
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Rekonstruktion der Befunde

Anhand von CAD-Plänen und bereichsweise erstellten SfM-Modellen wurde die Befundsituation in der 3D-Software nachmodelliert. Dabei wurden für die Oststoa aus dem 4. Jh. v. Chr. die Baublöcke soweit identifizierbar einzeln modelliert. Die Befunde der umliegenden Bauten wurden wenn überhaupt so nur stark vereinfacht modelliert, hauptsächlich die Fundamente diverser Votivstelen direkt vor der Stoa.
Anschliessend wurden die fehlenden Blöcke des Fundaments, der Krepis sowie der Sitzbank nachmodelliert. In der Abbildung anbei lassen sich diese Bereiche durch die weisse Farbgebung von den erhaltenen Befunden (beige) unterscheiden.
In weiteren Schritten wurden die Mauern, Säulen und das Gebälk, und schliesslich der Dachstuhl und die Ziegelabdeckung ergänzt.

Die gesamte Modellierung erfolgte in engem Austausch mit den Forschenden. Anders als die Beschreibung hier vermuten lässt handelt es sich bei der Erstellung eines Rekonstruktionsmodells nicht um einen linearen Prozess, sondern in iterativen Phasen wird das Modell nach und nach verfeinert.

Vermittlung

Rekonstruktionsmodell im Kontext der Befunde

Die wenigen erhaltenen Befunde sind für die Interpretation der Architektur von grosser Bedeutung, und sollten bei den finalen Visualisierungen besonders hervorgehoben werden. Von Anfang an war die Idee, die entsprechenden SfM-Modelle in der Rekonstruktionsmodellierung sichtbar zu machen. Im Vergleich zur gesamten Stoa drohten die wenigen Fundobjekte jedoch durch den krassen Grössenunterschied verloren zu gehen, weshalb entschieden wurde, Ausschnitte der Stoa (Bodenbereich, Säulenordnungen und Dachbereich) zu visualisieren. So Dadurch können auch die konstruktiven Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Bauelementen besser erkannt werden.
Rekonstruktionsmodell Dachbereich – 3D-Modellierung & Structure from Motion
Rekonstruktionsmodell Säulenordnungen – 3D-Modellierung & Structure from Motion
Rekonstruktionsmodell Fundamente & Sitzbank – 3D-Modellierung & Structure from Motion
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Informatives Modell

Ein Grossteil der Informationen, welche in die Erstellung eines Rekonstruktionsmodells fliessen, bleiben bei der alleinigen Ausgabe von Visualisierungen verborgen. Dadurch lässt sich die wissenschaftliche Exaktheit des Modells kaum mehr feststellen. Um die Zusammenhänge zwischen Modell und Informationen zu veranschaulichen, wurde für die Diplomausstellung an der ZHdK ein Vermittlungskonzept entworfen. Das Resultat ist ein sogenannter Click-Dummy, der eine interaktive Anwendung simuliert und weiter oben, im Bereich mit dem schwarzen Hintergrund, erlebt werden kann.

Eine französische Übersetzung wurde von Thierry Theurillat für das SNF-Agora-Projekt der ESAG erstellt:
Amarynthos – À la recherche du temple perdu

Was bringt die Zukunft?

Multidimensionale Modelle für komplexe Fundstätten

Mit der Oststoa von Amarynthos wurde ein einziger Bau zu einem einzigen Zeitpunkt visualisiert. Doch wie die meisten archäologischen Stätten weist auch das Artemisheiligtum von Amarynthos eine Vielzahl von Gebäuden mit unterschiedlichsten Bau- und Nutzungsphasen auf. Die Visualisierungen von solch komplexen räumlichen und zeitlichen Entwicklungen würde die Bedeutung von empirischen 3D-Modellen auf die nächste Stufe heben. Sie erfordert aber auch eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Anwendung von virtuellen Modellen, über die dreidimensionale Repräsentation hinaus hin zu zusätzlichen Informationsebenen und dem Faktor Zeit. Diese Zielsetzung wird mit dem eigenen Forschungsschwerpunkt „das multidimensionale Modell“ verfolgt.
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